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Interview mit Petra Bock aus dem Buch "Die Spur des Grenzgängers" von Alexandra Hildebrandt (erschienen 2006 bei Junfermann)
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Dr. Petra Bock (Coach und Organisationsberaterin): „Freiheit ist mir im Zweifel wichtiger als Sicherheit.“ Was macht Sie zur Grenzgängerin?
Ich stehe zum Prinzip „Versuch und Irrtum“. Freiheit ist mir im Zweifel wichtiger als Sicherheit.
Wenn das eigene Leben berechenbar wird, dann verliert es meiner Ansicht nach an Spannkraft,
an Energie und Lebensfreude. Ich gehe lieber ein Risiko ein, als mich z.B. mit einem festen Job,
einem festen Gehalt und einer auf Jahre berechenbaren „Karriere“ abzufinden. Zur Freiheit gehört für mich die Freiheit, Fehler zu machen. Das ist mir lieber als Perfektion. Der Anspruch auf Perfektion ist in den meisten Fällen verbunden mit dem Wunsch nach Sicherheit, nach Berechenbarkeit. Was perfekt ist, gibt Sicherheit. Was sicher und berechenbar ist, nimmt aber bald jeden Raum für Lebendigkeit und zieht enge Grenzen, die ich nicht akzeptieren möchte. Die Freiheit, etwas auszuprobieren, fordert aber manchmal den Preis, Niederlagen einzustecken und zu verarbeiten, eben nicht als „Gewinner“ da zu stehen. Damit muss man als Grenzgänger/in leben können.
An welche Grenzsituation (Krise) erinnern Sie sich?
An einen Burn-Out, in den ich als Unternehmensberaterin hineingeriet. Ich konnte nicht mehr
schlafen, obwohl ich permanent müde war, lief auf Hochtouren, obwohl meine Akkus leer waren.
Da war das Gefühl, morgens nicht mehr gerne aufzustehen, sondern das Leben als eine harte Bürde zu erleben. Erst ein Bandscheibenvorfall zwang mich, diese Situation wahr- und anzunehmen und dann eine Veränderung einzuleiten.
Welche Grenze dürfen Sie nie überschreiten?
Meine körperliche Belastbarkeit. Das rächt sich bitter, ist aber auch ein gutes Frühwarnsystem.
Welche Tugenden sollte ein/e Grenzgänger/in haben?
Zuversicht, Mut, Begeisterungsfähigkeit, aber im richtigen Moment auch Gelassenheit und die
Möglichkeit, bewusst loszulassen.
Was ist das Bedrohliche an einer Grenzsituation?
Den Fehler zu machen, die Krise nicht als Chance, sondern als Peitschenhieb zurück in das alte
Leben zu interpretieren.
Wie gehen Sie mit Ihrer Angst um?
Wenn sie von Innen kommt: Die Angst begrüßen als einen natürlichen Bestandteil der eigenen Persönlichkeit. Wenn sie von Außen kommt: Die Begegnung mit dem Gegenstand der Angst suchen. Das bringt einen Desensibilisierungseffekt, und ich merke, dass das Leben weiter geht, egal um welche Angst es sich handelte. Goethe, den ich als großen Grenzgänger verehre, stieg jeden Tag auf das Straßburger Münster, um sich selbst von seiner Höhenangst zu befreien und ist sie dadurch los geworden.
Wo sind Ihre Grenzen?
Mein Körper zeigt mir auf ganz natürliche Art Grenzen. Mein Bauchgefühl ist ein ganz wichtiger
Kompass, wenn es um Menschen, Situationen und Entscheidungen geht. Es gibt aber auch äußere Grenzen. Da, wo die legitimen Interessen anderer Menschen berührt werden, würde meine Freiheit enden. Denn Freiheit bedeutet für mich nicht völlige Autonomie oder gar Autarkie. Kein Mensch ist autark, als Menschen leben wir immer unter anderen Menschen und brauchen uns gegenseitig. Wir sind eingebunden in eine Vielfalt von Leben, das wir nähren und das uns nährt. Für „leben“ gibt es im Lateinischen den Begriff „inter homines esse“, unter Menschen sein. Sterben heißt „deire“, weggehen von den Menschen. Das, was ich unter „meine Berufung leben“ verstehe, ist nicht die Form von „Selbstverwirklichung“, die in den 70er und 80er Jahren angesagt war. Da ging es darum, aus der Gesellschaft „auszusteigen“, sein „eigenes Ding“ zu machen und sich nicht darum zu scheren, was mit den Menschen, die man zurück lässt, passiert. Selbstverwirklichung bedeutet heute etwas anderes: Seinen eigenen Platz finden
unter den Menschen. Da wirken, wo man seine Talente, Fähigkeiten und Interessen am besten einbringen kann. Dort leben und arbeiten, wo man, wie die Amerikaner sagen, „einen Unterschied“ macht. Selbstverwirklichung auf Kosten anderer funktioniert nicht. Aber sich selbst zurücknehmen, weil andere das so wollen, funktioniert auch nicht. Es ist also eine Gratwanderung mit der eigenen Freiheit, wo man die Grenzen immer wieder neu ausloten muss.
Lassen sich die Grenzen durch Bildung und Erfahrung erweitern und verändern?
Ja, je mehr Kontakt ich zwischen meinem Geist, meinen Impulsen und meinen Gefühlen bekomme, desto mehr kann ich meine Potenziale richtig steuern und nutzen.
Welche Lehren ziehen Sie aus gescheiterten Unternehmungen?
Dass das Leben weiter geht, dass ich selbst und meine Umwelt noch besser in Einklang kommen
können, und dass ich etwas anders oder etwas anderes machen sollte.
Was motiviert Sie? Was bringt Sie zum Handeln?
Die Lust am Flow, am intensiven Gefühl außerordentlicher Lebendigkeit.
Wie finden Sie die moralischen Grundlagen dafür?
Die reine Freude am Leben ist für mich die moralische Grundlage. Von ihr leiten sich für mich alle
anderen Imperative ab.
Was heißt für Sie Erfolg?
Lebensqualität plus persönliche Entwicklung.
Was halten Sie für Ihren größten Erfolg?
Meine derzeitige Lebenssituation. Einen Teil der Woche an einem See im Berliner Umland an
einem Roman schreiben und den anderen Teil der Woche Menschen dabei zu begleiten, ihre beruflichen und privaten Visionen zu finden und umzusetzen.
Wie gelingt es Ihnen, Ihre persönlichen Wertmaßstäbe mit Ihrer Lebens- und Karriereplanung zusammenzubringen?
Beides gehört zusammen, ich könnte es nicht (mehr!) trennen.
Gibt es auch eine „Karriere des Herzens“, die Sie (wenn auch nicht äußerlich, so doch innerlich) voranbringt?
Es gibt einen inneren Pfad, der mich selbst als Person betrifft. Ich halte regelmäßig „Inventur“ in
meinem Innen- und Außenleben und frage mich, an welchen Stellen ich jetzt reif für eine weitere
Entwicklung wäre. Dann frage ich mich, was ich dazu tun könnte, und ob ich das möchte. Bewusst älter zu werden ist für mich eine Reise zu noch mehr Fülle und Erfüllung im Leben. Ich freue mich auf jedes neue Jahr.
Ist es nicht ein Irrtum zu meinen, dass in der Suche nach der Gefahr ein Weg zur Erkenntnis liegt?
Es muss kein Irrtum sein. Aber die Erfahrung von Gefahr allein bringt einen nicht voran. Erkenntnis gibt es auch ohne Gefahren, z B. in einer ehrlichen Selbstbefragung, die von Wahrhaftigkeit und dem aufrichtigen Wunsch nach einem gelungenen Leben geprägt ist.
Woran erkennen Sie, dass Sie nicht weiterkommen?
Das fühle ich. Ich spüre, dass es mir nicht gut geht und frage mich, woran das liegt. Außerdem ist die Umwelt ein guter Spiegel: Sie baut Widerstände auf, die ich irgendwann nicht mehr übersehen kann. Wenn ich zu viel kämpfen muss, weiß ich, dass etwas schief gelaufen ist.
Was muss sich in Ihnen ändern, damit sich die äußeren Gegebenheiten ändern?
Wenn ich loslasse und nicht mehr verbissen an einer Sache festhalte, regelt sie sich meist von
selbst. Ein ganz aktuelles Beispiel. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, in welchem warmen Land ich den kommenden Winter verbringen sollte und habe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen. Dieses und jenes passte nicht, bis ich von dem Traum, den Winter im Süden zu verbringen beinahe abgekommen wäre. Irgendwann habe ich einfach losgelassen, habe mir gesagt, das wird sich irgendwie regeln, ich selbst finde im Moment keine Lösung. Eine Woche später hat mir eine Leserin meines Buches „Die Kunst, seine Berufung zu finden“ aus Teneriffa geschrieben und mich zum Schreiben in ihr Landhaus auf der Insel eingeladen. Zuerst war ein klarer Wunsch und ein klarer Wille da, dann habe ich losgelassen und mich von der Lösung finden lassen.
Was ist Ihre Erfüllung?
Leibliche Freuden gepaart mit hoher geistiger Intensität. Das gibt mir das Gefühl und das Wissen, an diesem wunderbaren Abenteuer Leben Teil zu haben.
Woran glauben Sie?
Dass das Leben ohne Abstriche wunderbar ist. Auch in schweren Zeiten. Und dass es einen Sinn
hat.
Haben Sie einen Traum vom Glück?
Ich lebe ihn bereits so gut es mir möglich ist.
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